1.Der Ursprung des Mythos der Fanny
Der Ausdruck être fanny soll auf die Mitte des 19. Jahrhunderts, im Südosten Frankreichs zurückgehen. Mehrere Versionen existieren nebeneinander: Die am weitesten verbreitete erzählt, dass ein Mädchen namens Fanny, in Lyon oder Marseille, die Verlierer einer schändlichen Niederlage damit getröstet habe, ihnen einen Kuss auf die Wange zu geben — der sich allmählich an einen anderen Körperteil verschoben habe, bevor er zu einem symbolischen Ritual wurde.
In den 1880er-Jahren erscheinen die ersten Gemälde der Fanny in den Cafés und Bouvettes des Midi: ein auf Holz gemalter weiblicher Hintern, auffällig aufgehängt, um die Verlierer an ihr Schicksal zu erinnern. Im 20. Jahrhundert hat sich die Tradition auf alle Boulodrome Frankreichs ausgeweitet und ist zu einer geselligen Einrichtung geworden, ohne je das Feld des Brauchtums zu verlassen.
2.Was das FFPJP-Reglement sagt (und nicht sagt)
Erste sachliche Feststellung: das offizielle FFPJP-CMSB-Regelwerk erwähnt die Fanny nirgendwo. Kein Artikel, kein Anhang und kein Verbandskommentar verpflichtet eine Mannschaft, die 13 zu 0 verliert, irgendetwas zu küssen. Es ist weder eine Spielregel, noch eine Sanktion, noch eine vertragliche Pflicht.
Die FFPJP kodifiziert gemäß ihrem sportlichen Auftrag ausschließlich die technischen und disziplinarischen Regeln des Spiels: Regeln zum Wurfkreis, zur Zielkugel, zu den Boules, zur Zählweise, zur Zeit und zu sportlichen Sanktionen. Die Tradition der Fanny gehört zu einem Vereinsgewohnheitsrecht — das heißt, sie existiert, weil die Spieler sie fortführen, nicht weil sie irgendwo niedergeschrieben ist.
Das offizielle FFPJP-CMSB-Regelwerk zählt knapp 40 Artikel die das gesamte Pétanque-Spiel kodifizieren. Keiner davon erwähnt die Fanny. Das ist eine bemerkenswerte Besonderheit: Wenige Sportarten haben eine so lebendige Tradition bewahrt und sind dabei völlig außerhalb des Regelwerks.
3.Warum die Fanny eine Vereinstradition geblieben ist
Die Tradition der Fanny überlebt aus einem einfachen Grund: Sie erfüllt eine soziale Funktion die das Regelwerk allein nicht erfüllen kann. Sie nimmt der Niederlage ihre Dramatik, verwandelt die Demütigung in ein gemeinsames Ritual und schweißt die Gruppe um einen komischen Moment zusammen. Kein Schiedsrichter bestraft den Verlierer: Es ist der Verlierer selbst, der sich dem kollektiven Spiel fügt.
Die Fanny im Regelwerk zu kodifizieren wäre wahrscheinlich eine schlechte Idee. Es würde sie zu einer Pflicht, während ihre Stärke gerade in ihrem freiwilligen Charakterliegt. Eine erzwungene Tradition verliert ihren Charme und wird zur Pflichtübung.
4.Übersichtstabelle: Tradition vs. Regelwerk
Hier ist ein klarer Vergleich zwischen dem, was zur reinen Tradition gehört, und dem, was zum offiziellen Regelwerk gehört:
| Element | Vereinstradition | FFPJP-Regelwerk |
|---|---|---|
| Spielstand 13 zu 0 = Fanny | Ja | Nicht erwähnt |
| Pflicht, die Fanny zu küssen | Ja (Brauchtum) | Keine Pflicht |
| Sanktion bei Verweigerung | Freundschaftlicher Spott | Keine |
| Runde der Verlierer | Ja (Variante) | Nicht kodifiziert |
| Spielstand 13 = offizieller Sieg | Ja | Ja (Artikel 21) |
| Eintrag auf der Tafel | Wenn der Verein es verlangt | Nicht erforderlich |
5.Die Fanny bei offiziellen Wettbewerben: Was passiert wirklich?
Bei offiziellen FFPJP-Wettbewerben wird der Spielstand 13 zu 0 normal eingetragen auf dem Spielbericht. Der Fanny-Status hat keinerlei Auswirkung auf die Ranglisten, die Verbandspunkte oder die Qualifikation für die nächste Runde. Es ist rechnerisch identisch mit einem 13:1, 13:5 oder 13:12 — nur der Sieg zählt.
Das symbolische Ritual findet, sofern es stattfindet, nach dem Ende der Partie, am Rand des Wettbewerbs statt. Kein Schiedsrichter muss eingreifen. Wenn eine Fanny im Boulodrom über einen symbolischen Pokal verfügt (Gemälde, Statuette), kann sie ihn zeigen oder nicht — ganz ohne offiziellen Wert.
6.Kann man die Fanny-Küsserei verweigern?
Ja, völlig. Keine Regel, keine Sanktion, keine Pflicht. Die Verweigerung des Rituals birgt kein sportliches oder disziplinarisches Risiko. Die einzige Konsequenz ist sozialer Natur : die an das Ritual gewöhnten Spieler können sich leicht lustig machen, der Verein kann Ihren Namen auf einer Tafel der geflohenen Fannys eintragen. Nichts weiter.
Immer mehr Vereine modernisieren oder geben die Tradition auf, um die Empfindlichkeit aller Spieler zu respektieren. Manche ersetzen sie durch andere Gesten (ein Kuss auf die Saint-Boules-Statuette, eine ausgegebene Runde, eine burleske Geste). Das Regelwerk schreibt nichts vor — jeder richtet sich nach den örtlichen Gepflogenheiten.
7.Regionale Varianten des Rituals
Die Fanny nimmt je nach Region unterschiedliche Formen an:
- Provence und Côte d'Azur : klassisches Gemälde auf Holz, symbolischer Kuss, manchmal eine ausgegebene Runde.
- Südwesten : Tradition der pitchoune fanny, humorvoller, manchmal mit Verkleidung.
- Auvergne-Rhône-Alpes : Keramikstatuette, diskretere Geste, systematisch eine Runde.
- Bretagne und Norden : oft vereinfachte Version, bloßer humorvoller Pfandeinsatz ohne Gemälde.
- Nationale und internationale Wettbewerbe : Tradition oft aus Gründen der kulturellen Neutralität aufgegeben.
Die Fanny ist Brauchtum, kein Regelwerk. Wenn Sie in Ihrem Verein eine Fanny kassieren, spielen Sie mit und lächeln Sie: Das schafft Erinnerungen und schweißt die Gruppe zusammen. Wenn Ihnen die Tradition unangenehm ist, lehnen Sie höflich ab — kein Schiedsrichter wird Ihnen daraus einen Vorwurf machen. Der Geist des Pétanque ist vor allem das gemeinsame Vergnügen, nicht die Pflicht.
Um mehr über die Besonderheiten des Regelwerks zu erfahren, lesen Sie auch unseren Artikel über die Grenzfälle Boules außerhalb des Spielfelds und unser Dossier wenig bekannten Regeln. Unsere kostenlosen Werkzeuge ergänzen das Erlernen des Regelwerks.
Die Geselligkeit eines Vereins zu erhalten bedeutet auch, sein Vereinsleben finanzieren zu können. Dieser Leitfaden zeigt, wie man lokale Sponsoren findet, rentable Wettbewerbe organisiert und die Traditionen des Vereins (wie die Fanny) dauerhaft bewahrt.
Den Leitfaden entdecken